Hanau schafft Wohnraum nach dem Frauenhausaufenhalt
Sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin, sehr geehrten Damen und Herren,
48,7 Prozent - Das ist keine abstrakte Zahl. Das ist fast jede zweite Frau, die im Laufe ihres Lebens psychische Gewalt durch einen Partner oder ehemaligen Partner erlebt hat. 135.713 Frauen wurden allein im Jahr 2024 Opfer von Partnerschaftsgewalt. 308 Frauen und Mädchen waren Opfer vollendeter Tötungsdelikte. Und wir müssen davon ausgehen, dass die Wirklichkeit noch viel erschreckender ist. Denn weniger als fünf Prozent der Fälle psychischer und körperlicher Partnerschaftsgewalt werden überhaupt angezeigt.
Hinter diesen Zahlen stehen Frauen.
Frauen, die Angst haben.
Frauen, die gedemütigt, kontrolliert, bedroht und geschlagen werden.
Frauen, die nachts wach liegen und überlegen, wie sie ihre Kinder schützen können.
Frauen, die irgendwann den Mut aufbringen, ihre Sachen zu packen und zu gehen.
Und genau an diesem Punkt beginnt unser heutiges Thema.
Es ist nicht so einfach nach dem Motto: Wer schlägt, der geht – das Opfer bleibt in der Wohnung. Die betroffene Person muss nicht fliehen; stattdessen kann die gewaltausübende Person der Wohnung verwiesen werden – unabhängig davon, wer den Mietvertrag unterschrieben hat oder Eigentümer der Immobilie ist. Und damit wäre alles in Ordnung. Viele Frauen stehen weiterhin unter Druck und können vor Ort in der Wohnung nicht bleiben, weil sie weiterhin bedroht werden.
Meine Damen und Herren,
denn was passiert, wenn eine Frau es endlich geschafft hat, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu befreien?
Wenn sie den gefährlichsten Schritt vielleicht schon hinter sich hat? Wenn sie mit ihren Kindern im Frauenhaus Schutz gefunden hat und endlich wieder ein bisschen Hoffnung schöpfen kann?
Dann steht sie vor der nächsten Herausforderung: Sie braucht eine Wohnung.
Eine eigene Wohnung. Einen sicheren Ort. Einen Ort, an dem sie nachts schlafen kann, ohne Angst haben zu müssen. Einen Ort, an dem ihre Kinder wieder Kinder sein dürfen. Einen Ort, an dem niemand mehr schreit, niemand droht und niemand Gewalt ausübt.
Und was passiert viel zu oft? - Sie findet keine Wohnung.
Nicht, weil sie nicht arbeiten möchte. Nicht, weil sie sich keine Zukunft aufbauen möchte. Nicht, weil sie nicht bereit ist, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Sondern weil bezahlbarer Wohnraum fehlt.
Und damit müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen:
Was ist das für ein gesellschaftliches Versprechen, wenn wir Frauen sagen: Geht! Verlasst die Gewalt! Holt euch Hilfe! Wir lassen euch nicht allein! – und wenn sie diesen Schritt dann gehen, lassen wir sie anschließend vor einer verschlossenen Wohnungstür stehen?
Wir dürfen Frauen nicht dazu bringen, zwischen Gewalt und Wohnungslosigkeit wählen zu müssen.
Ein Frauenhaus ist ein Schutzraum. Es ist kein dauerhafter Ersatz für eine eigene Wohnung. Es ist ein Ort, an dem Frauen und ihre Kinder erst einmal zur Ruhe kommen, Kraft sammeln und einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden sollen. Aber dieser Weg muss auch weitergehen können. Und genau hier liegt die politische Verantwortung.
Wenn Frauen mangels Wohnraums das Frauenhaus nicht verlassen können, hat das gleich mehrere dramatische Folgen: Die betroffenen Frauen bleiben in einer Warteschleife. Ihre Kinder bleiben in einer Übergangssituation. Und Frauen, die akut vor Gewalt fliehen und dringend einen Schutzplatz benötigen, müssen möglicherweise länger auf Hilfe warten oder können nicht aufgenommen werden.
Das darf uns nicht gleichgültig sein!
Wir müssen verstehen: Wohnraum nach dem Frauenhaus ist keine nette soziale Zusatzleistung. Er ist ein entscheidender Baustein im Gewaltschutz. Denn Sicherheit bedeutet nicht nur, eine Frau aus der unmittelbaren Gefahr herauszuholen. Sicherheit bedeutet auch, ihr eine echte Perspektive für die Zeit danach zu geben. Und deshalb müssen wir als Stadt Hanau handeln.
Wir haben mit der Baugesellschaft Hanau einen kommunalen Akteur, den wir noch stärker in diese Verantwortung einbeziehen sollten. Wir müssen prüfen, welche Wohnungen aus dem städtischen und kommunalen Bestand zur Verfügung gestellt werden können. Wir müssen die hessische Initiative „Wohnen nach dem Frauenhaus“ nutzen. Das Land Hessen hat dafür eine Grundlage geschaffen und stellt 2026 mindestens 16 Millionen Euro für den Erwerb von Belegungsrechten bereit. Diese Möglichkeiten dürfen nicht irgendwo auf dem Papier stehen bleiben. Sie müssen auch bei den Frauen in Hanau ankommen.
Wir brauchen konkrete Zahlen: Wie viele Frauen und Kinder warten nach einem Frauenhausaufenthalt auf eine Wohnung? Wie viele Frauen können das Frauenhaus nicht verlassen, weil es an geeignetem Wohnraum fehlt?
Wir brauchen konkrete Lösungen: kommunale Wohnungen, Übergangswohnungen, verbindliche Kooperationen mit Wohnungsunternehmen und eine verlässliche sozialpädagogische Begleitung. Und wir brauchen einen klaren Zeitplan.
Ich möchte an dieser Stelle auch eines ganz deutlich sagen: Wir, als Gesellschaft, dürfen die Verantwortung nicht auf die Frauenhäuser und ihre Mitarbeiterinnen abschieben. Diese leisten tagtäglich eine unglaublich wichtige Arbeit. Aber sie können das strukturelle Problem des fehlenden Wohnraums nicht allein lösen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
am 25. November begehen wir den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. An diesem Tag werden wir wieder Reden hören. Wir werden Mahnungen aussprechen. Wir werden betonen, wie wichtig Gewaltschutz ist.
Aber ich möchte, dass wir nicht bei Worten stehen bleiben. Denn für eine Frau, die gerade im Frauenhaus sitzt und nicht weiß, wie es für sie und ihre Kinder weitergehen soll, ist eine Gedenkveranstaltung keine Lösung. Ein Appell allein verschafft ihr keine Wohnung. Eine Solidaritätsbekundung allein gibt ihrem Kind kein eigenes Kinderzimmer. Und ein Versprechen allein schafft noch keine Sicherheit.
Was diese Frauen brauchen, sind konkrete Entscheidungen. Wohnungen. Unterstützung. Verlässlichkeit. Eine Perspektive.
Ich wünsche mir, dass wir uns bei diesem Thema nicht zuerst fragen, ob es kompliziert wird, ob es Geld kostet oder ob die Zuständigkeit vielleicht irgendwo anders liegt. Ich wünsche mir, dass wir uns zuerst fragen: Was braucht diese Frau, um endlich frei und selbstbestimmt leben zu können?

